“Mein Weg zum CI” – Artikel in CIV NRW News Magazin

Vorwort

Der folgende Artikel erschien im Magazin CIV NRW News, Ausgabe 1/2013 und darf mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion hier veröffentlicht werden.

Das Magazin wird herausgegeben vom Cochlear Implant Verband NRW e.V., nähere Informationen finden Sie hier www.civ-nrw.de.

 

Artikel

Hochgradig, an Taubheit grenzend schwerhörig zur Welt gekommen, habe ich mich durchs Leben gekämpft, bin den „normalen“ Schulweg gegangen, habe ein Studium abgeschlossen und gelernt, mich in der Arbeitswelt behaupten zu können. Ich konnte in meiner Freizeit weniger unternehmen als Normalhörende, da ich nach Feierabend immer richtig platt war und erstmal zwei Stunden Ruhe und Erholung benötigte – und das jeden Tag. In den sogenannten „Cocktail-Umgebungen“ war an eine Unterhaltung mit anderen nicht zu denken, ich habe aber gelernt, mich damit zu arrangieren und bin trotzdem gerne zu Treffen und Partys gegangen.

Als ich vor zehn Jahren einmal den Eindruck hatte, ich hörte immer schlechter, meinte mein alter HNO-Arzt (er ging kurz später in Ruhestand) „ … schlimmer geht’s nimmer, so taub wie sie sind! Also immer ruhig bleiben!“. Es hat mich tatsächlich beruhigt, die Ursache damals waren alternde Hörgeräte und ich bekam halt neue verpasst. Überhaupt war es bis dahin immer so, dass mit jeder neuen Hörgeräte-Generation ich besser hören und verstehen konnte. Doch mit den Neuen merkte ich zum ersten Mal keine Verbesserung, freilich zunächst auch keine Verschlechterung. Erst als diese Geräte Ende 2010 ebenfalls in die Jahre kamen, stellte ich fest, dass mich das Hören immer mehr anstrengte, was nicht nur an den „alternden“ Hörgeräten liegen konnte.  Mein neuer HNO-Arzt empfahl mir daraufhin, mich alternativ zu neuen Hörgeräten auch mal mit dem Thema CI vertraut zu machen.

Mich einer Operation zu unterziehen, noch dazu an den Ohren, dazu hatte ich eigentlich gar keine Lust. Vor allem vor dem Hintergrund, danach gar nichts mehr zu hören, also richtig taub zu sein. Es hieß ja immer, eine OP nur dann, wenn nichts anderes mehr hilft. War es bei mir jetzt auch schon soweit, stand ich kurz vor der Ertaubung? Ein Gedanke, den ich immer vor mir hergeschoben habe und mit dem ich mich einfach nicht beschäftigen wollte. Nun ja, wenn ich aber ehrlich bin, habe ich ohne Hörgeräte schon nichts mehr gehört. Selbst wenn jemand mit einem Vorschlaghammer auf den Tisch geschlagen hätte, hätte ich dieses nur als dumpfes leises Geräusch wahrgenommen – wenn überhaupt, denn ausprobiert habe ich dies nie. Also entschloss ich mich doch, mich untersuchen zu lassen, denn es kostet mich ja nichts und verpflichtet zu nichts. Meine Wahl fiel aus persönlichen Gründen auf das CI-Zentrum Ruhrgebiet in Bochum. Dank der ausgezeichneten und ausführlichen Untersuchungen und Beratungsgespräche wurden mir alle Ängste genommen und ich entschied mich, mir kurz später – Anfang 2011 – am schwächeren linken Ohr ein CI einsetzen zu lassen.

Die OP verlief ohne Probleme und Nachwirkungen; abgesehen von leichten Schmerzen in den ersten Tagen, gab es keine. Die Erstanpassung war dann vier Wochen später und was in den Monaten danach geschah, lässt sich in Worte nur schwer fassen – ich könnte einen begeisternden Roman über meine Erlebnisse und Erfahrungen schreiben. Ein Beispiel möchte ich aber doch nennen, zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich das Ticken der Uhren, saß anfangs stundenlang davor und lauschte verträumt dem wiederkehrenden Geräusch, das wie Musik in meinem Ohr klang. Heute dagegen geht mir das Ticken manchmal richtig auf den Wecker. Das neue Hören und Verstehen lernte ich sehr schnell innerhalb weniger Monate, vor allem das Verstehen der Zischlaute in der Sprache erleichterte mir die Kommunikation mit meinem Umfeld. Und wie mir mehrfach berichtet wurde, spreche ich selber auch viel deutlicher (da ich mich selbst verstehen konnte), so dass andere auch mich besser verstehen konnten. Nach neun Monaten konnte ich sogar Musik in einer für mich nie erlebten Klangvielfalt hören. Kurzum, für mich begann ein neues Leben.

Nach einem Jahr ließ ich mir dann das zweite CI einsetzen; die OP verlief wieder sehr gut. Nur hatte ich diesmal mehr mit Nachwirkungen zu kämpfen, Schwindel und teilweise Geschmacksverlust in der ersten Woche und permanent Tinnitus in den ersten Monaten nach der Erstanpassung. Das Hören und Verstehen mit dem zweiten Ohr verlief diesmal nicht so rasant wie mit dem ersten, sondern „nur“ halb so schnell. Da musste ich erst lernen, meinen persönlichen Ehrgeiz zu zügeln und mir mehr Zeit für die Entwicklung einzuräumen. Trotzdem brachte mich die Kombination der bilateralen CI-Versorgung nochmals einen Sprung nach vorn. Zum Beispiel bin ich heute in der Lage, auch in großen Menschenansammlungen mich – auch länger – unterhalten zu können, zu Hörgerätezeiten ein Ding der Unmöglichkeit.  Bei Arbeitsmeetings kann ich nun auch zwischen den Zeilen hören und verstehen, mich aktiv an den Diskussionen beteiligen. Freunde und Bekannte, die ich nur selten treffe, haben fast schon vergessen, dass ich mal schwerhörig war und es eigentlich auch noch bin. Sie brauchen mich beim Gespräch nicht mehr direkt anzusehen und auch nicht lauter zu sprechen bzw. sich ständig zu wiederholen.

Auch wenn ich kein großer Freund von Zahlen bin, einige möchte ich zum Abschluss doch nennen, um zu veranschaulichen, zu welchen Verbesserungen CIs führen können. Mit Hörgeräten hatte ich ein Sprachverständnis bei einsilbigen Wörtern von zuletzt 20 %, mit dem ersten CI alleine heute 90 %, nur mit dem zweiten CI jetzt schon 35 %.

Meine Entscheidung für CIs habe ich zu keiner Sekunde bereut.

Christian Biegemeier

 

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